Lebenslauf von Michael (14)
Der folgende Bericht entstand 1998.
Ein offenes Wort oder - Integration, was ist das eigentlich?
Ist es nur der einmalige Akt einer räumlichen Zusammenführung von Behinderten mit Nichtbehinderten, oder ist es nicht vielmehr die Aufgabe aller, als eine Verpflichtung zur Kooperation?
Michael erkrankte im Alter von fünf Monaten an eitriger Meningitis. Die Folge war zunächst der Verdacht auf eine Hörschädigung. Nach einer in Würzburg stationären Beobachtung und Beurteilung des Hörvermögens durch Computer-Audiometrie ergab die Untersuchung eine hochgradige Schallempfindungsschwerhörigkeit, bzw. eine an Taubheit grenzende Hörschädigung. Mit 9 Monaten erfolgte die Einleitung zur Hörgeräteanpassung.
Von diesem Zeitpunkt an, wollte ich nie aufgeben, daran zu arbeiten, dieses hörgeschädigte Kind in unsere doch so anspruchsvolle Gesellschaft einzugliedern. Ist es doch ein langer, schwieriger Weg mit Schlaflosigkeit, Unwissenheit, Unsicherheit, Einsamkeit, Verzweiflung, Enttäuschungen, Ohnmacht und immer wieder neuen Hoffnungen. Dem einen kommen die Tränen, der andere schweigt. Waren unsere Pläne und Erwartungen nicht zu hoch geschraubt? Eine Welt bricht zusammen!
Als mein Sohn 10 Monate alt war, hatte ich gelernt mit diesen "Fremdkörpern" am Ohr meines Kindes umzugehen. Es wurden mehrere Geräte unter Anleitung der Gehörlosenschule erprobt. Ob dies damals die beste fachmännisch-technische Betreuung und Beratung war, möchte ich heute bezweifeln. Lag doch die richtige Entscheidung für die besten Hörgeräte meines Kindes ganz allein in meinen Beurteilungen, Erfahrungen und Beobachtungen für das Kind, und es hat sehr lange gedauert, bis ich mich unsicher für die ersten Hörhilfen meines Sohnes entscheiden konnte. Auch wurde mir immer wieder mit Bedauern dargelegt, dass mein Kind die Sprache mit größter Wahrscheinlichkeit sowieso nicht erlernen würde.
Erst viel später erfuhr ich von genaueren und moderneren Messtechniken und einer intensiveren Hörgeräteanpassung und Beratung, wie sie z.B. auch bei Prof. Keller in Freiburg und Herrn Bagus in Essen angewandt wurden.
Frühzeitig las ich mich in die Methoden und Möglichkeiten der Hör-Spracherziehung ein und setzte diese auch konsequent in der Erziehung um. Erste Leseliteratur bot sich an von Frau Schmid Giovannini aus der Schweiz, Professor Dr. Armin Löwe von der Universität aus Heidelberg und auch von verschiedenen Berichten betroffener Eltern mit hörbehinderten Kindern. Unser Tagesablauf wurde geprägt von Hörspielen, wobei wir mit unterschiedlichen Geräuschquellen arbeiteten, sie erzeugten und Reaktionen erwarteten. Der Einsatz der eigenen Sprache nahm einen besonders hohen Stellenwert ein, d.h. ich weinte, ich lachte, ich sang und ich sprach mit meinem Kind und ich erklärte jeden kleinsten Handlungsablauf des Tages mehrmals meinem Sohn. Immer und immer wieder den gleichen Ablauf eines Tages: sprechen, sprechen, sprechen. Der Abend wurde geprägt durch ein Buch, welches als "Betthupferl" bald erste Erfolge zeigte.
Unsere spielerischen Übungen beanspruchten also meinen ganzen Tag und man braucht sicher nicht viel Phantasie um sich vorstellen zu können wie erschöpft und müde ich abends ins Bett fiel. Dies hatte allerdings den Vorteil, dass meine depressiven und traurigen Verstimmungen, weil Michael nie Vogelgezwitscher, Bäumerauschen, Flüstergespräche und ähnliches vernehmen konnte, zunehmends an Wichtigkeit verloren. Auch hatte ich damals soviel Mut und Hoffnung durch den Glauben an Gott entwickelt, dass ich anfing, in der Erziehung meines Kindes eine Art Bestimmung oder besondere Herausforderung an mich zu sehen. Ich wollte der Verantwortung meinem Kind gegenüber, das ich zudem mehr liebte als alles auf der Welt, unbedingt gerecht werden.
Die Sprachanbahnung nahm seinen Lauf und mit 2 1/2 Jahren konnte Michael seine ersten Wörter, ja sogar seine ersten 3-Wort-Sätze sprechen. Die bedeutendsten Wörter für unseren Sohn waren die Fragewörter: was, wo, wie und warum - und ich konnte davon ausgehen, dass ich so etwas wie ein erstes Fragealter bei ihm erlebte. Nach einiger Zeit wurde mir dann auch bewusst, dass ich mit meinem Kind ganz selbstverständlich ohne festgelegte Gebärden kommunizierte, jedoch benutzte ich außer der ausgeprägten Lautsprache hin und wieder Gestik, Mimik und bewussten Blickkontakt.
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt legte mir die Gehörlosenschule erstmals nahe, dass ich meinen Sohn rechtzeitig in deren Kindergarten anmelden müsse, da die Entwicklung Michaels durch frühzeitige sonderpädagogische Betreuung und Förderung großen Erfolg versprach. Um die Früherziehung, meines Kindes jedoch nach meiner Überzeugung in die richtigen Wege zu leiten, entschloss ich 1987 mein Kind in einem Regelkindergarten anzumelden. Mit ganz liebevollem Einsatz wurde Michael bei einer hervorragenden Erzieherin und Pädagogin im "normalen Kindergarten" aufgenommen. Durch die große Unterstützung und Beratung von Schwester Gertrud (Leiterin des Kindergartens) wurden mir zu diesem Zeitpunkt auch viele Zweifel und Unsicherheiten in meinen Erziehungsfragen genommen.
Hörgeräte sind ja nicht besonders auffällig, wenn die Haare darüber wachsen und meine Gedanken überschlugen sich wieder mal. Wie werden sich die Kinder untereinander austauschen? Wie wird sie ihn erziehen und wie wird sie ihm erklären, was er darf, was er nicht darf? Wird sie ihn verwöhnen oder zu viel Mitleid zeigen? Wie wird sie auf seine Gefühlsausbrüche reagieren?
Die Sprechfertigkeit meines Kindes entwickelte sich überaus schnell und meine Bedenken, die Kinder könnten sich untereinander nicht verständigen, waren unnötig. Bestimmte Techniken (z. B. auf den Tisch klopfen, in die Hände klatschen, einander antippen) entwickelte die Gruppe der Kinder schnell, und so wurde Verständigung, Kommunikation und somit der erste Erfolg einer Integration erreicht. Zu erwähnen wären eigentlich noch zwei Dinge:
- Trotz erster Euphorie gab es immer wieder Situationen, die Anforderungen an uns Eltern und Erzieherin stellten, flexibel, kooperativ und einfühlsam zu reagieren.
- Viele auftauchenden Schwierigkeiten wurden mit liebevoller Hilfe durch Michaels 1 Jahr jüngeren Cousin Christian leichter bewältigt und überwunden. So konnte auch der Familienzuwachs meiner Geschwister die Integration meines Kindes auf eigene Art und Weise erheblich bestärken.
Bis zu diesem Zeitpunkt erhielt ich leider noch keine zusätzlichen fördernden Maßnahmen für meinen Sohn, von der am Ort vorhandenen speziellen Einrichtung. Ich hatte das Gefühl, dass ich durch meine Integrationsbemühungen von der Sonderschule als Außenseiter betrachtet wurde.
Erst seit 1988 wurde Michael im Rahmen der Frühförderung der Gehörlosenschule von fünf verschiedenen Frühförder-Lehrkräften vierzehntägig bzw. wöchentlich bis zur Einschulung betreut. Es waren sicherlich viele hilfreiche Tipps und neue Anregungen für die weitere Entfaltung meines Kindes dabei, wobei der häufige Wechsel der Lehrkräfte von meiner Sicht aus nicht als besonders positiv beurteilt werden konnte.
Die Hörspracherziehung zu Hause ging natürlich weiter. Wir verbrachten viel Zeit mit dem Kassettenrecorder. Wir bewegten uns nach der Musik, lauschten den aufgezeichneten Erzählungen von Michael, lernten Instrumente kennen und legten ein Tagebuch mit eigenen Zeichnungen oder Fotografien an. Mir wurde mit der Zeit klar, dass es noch einiger Anstrengungen bedurfte, um Michael zu einer selbständigen Persönlichkeit zu verhelfen.
Da auch die Grobmotorik meines Kindes nicht so gut entwickelt war, und da Bewegung sehr eng im Zusammenhang mit der Sprachentwicklung steht, steckte ich auch in diesem Bereich immer wieder neue Ziele, welche ich für mein Kind bis zur Einschulung erreichen wollte. Zunächst lernte Michael Fahrradfahren, wobei das Gleichgewicht zu halten die größten Probleme bereiteten. Später nahmen wir am Mutter-Kind-Turnen teil, um auch hier die frühen körperlichen Entwicklungsphasen des Kindes positiv zu beeinflussen. Schließlich war Michael im letzten Jahr vor der Einschulung in eine Gruppe gleichaltriger Turnerinnen und Turner eingegliedert und konnte selbständig und allein an den Sportstunden teilnehmen.
Mittlerweile erfreute uns auch Alexander, der 4 Jahre jüngere, normalhörende Bruder von Michael und wir lernten, auch ihn in unsere Familiensituation einzuordnen.
Dachte ich hierbei an die soziale Entwicklung meines hörgeschädigten Kindes und konnte doch ein hörendes Geschwisterchen den weiteren Verlauf der Sprache von Michael positiv beeinflussen, so möchte ich nicht mehr an die Ängste denken, welche ich in der Schwangerschaft durchmachte, dass vielleicht auch dieses Kind gesundheitliche Probleme haben könnte.
Seit Oktober 1989 nahm Michael einmal wöchentlich am Musikschulunterricht für rhythmisch/musikalische Früherziehung teil. In der Gruppe waren noch sechs gleichaltrige hörende Kinder. Zu Beginn war Michael sehr zurückhaltend, und auf Grund der Hörgeräte kam es bei einigen Kindern teilweise zu ablehnenden Verhaltensweisen. Erst durch den Einsatz der Phonak-Funkanlage, durch Gespräche der Lehrkraft mit den Kindern und durch den Gruppenprozess wurde Michael bald in die Gruppe integriert und von allen Kindern als Spielpartner gewählt. Michael spielte gerne auf den Instrumenten, sang gerne und war aktiv in der Stunde beteiligt.
Unsere Hörsprach-Erziehung half uns, unser Kind in einer normalen Umgebung aufwachsen zu lassen, bei dem sich die Sprache annähernd wie bei jedem normalen Kind entwickelte. Ich
stellte fest, dass Michael nicht nur die Lautsprache, sondern sogar die Muttersprache erlernte, ja manchmal sogar versuchte, Dialekt zu reden.
Etwas später konzentrierte ich mich auf schulvorbereitende Lerneinheiten. Diese beinhalteten eine Artikulationsverbesserung vor allem der Zischlaute durch einen Logopäden, erstes Lesenlernen, erste mathematische Begriffserklärungen und, um auch die grobmotorischen Fähigkeiten weiter zu trainieren, erlernte mein Sohn mit Begeisterung das Schwimmen.
Michaels Wochenplan war nun sehr abwechslungsreich und der Tag der Schulanmeldung rückte immer näher. Was nun? Sollte ich Michael bei all diesen Fortschritten in der Gehörlosenschule anmelden? Nicht dass hier der Eindruck entsteht, Michael wäre ein zu dieser Zeit nur stressgeplagter Junge gewesen. Nein! Ich hatte ein überaus offenes und vor allem glückliches Kind. Sicher aber war dieser Weg, den wir gingen, oftmals mehr als nur eine Gradwanderung.
Meine Gedanken, die Kommunikation meines Kindes bestmöglichst auszuweiten, bewegten mich kurzfristig dazu einen Gebärdenkurs zu belegen. Da sich aber die Sprechfertigkeit von Michael überaus gut entwickelte, hielt ich es nach einiger Zeit nicht mehr für notwendig, dieses Mittel der Verständigung und Verbindung hörgeschädigter Menschen zu erlernen und wollte dies für einen späteren Zeitpunkt vielleicht noch einmal angehen.
Im Moment würde ich diese Gebärden ja doch nicht einsetzen! Und konnten sie der Sprache von Michael im Wege stehen? Gehört und gelesen hatte ich ja schon viel, und ich sehnte mich nach einer Beratung von Fachleuten, um nicht immer die Hauptverantwortung für mein Handeln alleine tragen zu müssen. Auch hatte ich das Gefühl nicht genug Informationen zu erhalten. Ständig musste ich mir jedes Wissen, jede Neuheit (z.B. neueste Techniken über Hörgeräte, Fördermöglichkeiten, Krankenkassenrecht, Sozialrecht/Eingliederungshilfe etc.) selbst aneignen und erkämpfen und mir wurde immer bewusster, dass in solchen Fällen Hilfe und Informationsaustausch absolute Mangelware waren.
Frühzeitig vor dem Termin der Schulanmeldung meines Kindes informierte ich mich bei der Sonderschule für Hörgeschädigte über deren Schulwesen, suchte aber auch gleichzeitig die für den Wohnort zuständige Regelschule auf, um eventuell eine weitere Integration von Michael in die "Welt der Hörenden" in Erwägung ziehen zu können. Die Auskünfte der jeweiligen Schulen waren alles andere als erfreulich. Michael sollte also einerseits auf Grund seines Hörschadens in eine Klasse mit gehörlosen Kindern eingeschult werden (meine Bitten, den Spracherfolg meines Kindes zu beachten und deshalb Michael in eine Schwerhörigenklasse einzuschulen, wurden auf Grund seiner Hörkurve als nicht möglich dargestellt und da ging wohl auch kein Weg daran vorbei).
Andererseits wurde mir vom Rektor der zuständigen Regelschule erklärt, warum Sondereinrichtungen gebaut wurden und, dass der Versuch Michael in die Regelschule einzugliedern, schon am Entgegenkommen der Lehrer scheitern würde (dies betraf das Tragen der Funkanlage, was als Zumutung für den Lehrer bezeichnet wurde). Also ein Versuch, der sicherlich zum Scheitern verurteilt war, denn, so konnte mir der Rektor S. der Schule schon im Voraus auf Grund eigener Erfahrungen beschreiben, wie so ein Kind garantiert Schiffbruch erleiden würde.
Es war einer der Tiefschläge, die ich einzustecken hatte, denn während sich Michael noch so überzeugend und aufgeschlossen zeigte, wurde mir klargemacht, dass so ein Kind in der zuständigen Einrichtung für Hörgeschädigte die größten Entwicklungschancen hätte. Wäre es nicht besser dieses Kind den Fachleuten zu überlassen, welche ihre jahrelangen Erfolge darlegten, die Gebärdensprache fast als "Muss" propagierten und vielleicht noch eine Internatsunterbringung als beste Voraussetzung für die Entwicklung des Kindes sahen?
Ich überlegte, ob die Grenzen der Förderung erreicht waren und meine Zweifel, etwas falsch zu machen, waren überaus groß. Es machte sich aber auch das Gefühl breit, das manche Personen der Frühförderung oder Sonderschule es darauf abzielten mein Kind unter allen Umständen in die Sonderschule zu rekrutieren und zwar ohne Rücksicht auf Intelligenz, Begabung und bisheriger, aus Eigeninitiative der Eltern, erhaltenen Förderung. Da sich Unverständnis bei mir breit machte, fing ich wieder mal an zu kämpfen. Das kann es ja wohl nicht gewesen sein!
Zwischenzeitlich veranlasste ich, dass mehrere sonderpädagogische Gutachten erstellt wurden. Hierbei handelte es sich um die Beurteilungen von der zu diesem Zeitpunkt uns noch betreuenden Frühförderung (Frau D.), von der Familienberatung der Caritas, und von Frau Schmid-Giovannini welche zu dieser Zeit in München gastierte und einen Intensivkurs leitete. Frau Schmid-Giovannini war überaus begeistert von Michael, machte uns Mut und konnte eine Regeleinschulung nur befürworten.
Dies baute unsere Familie zunächst auf, denn dieser Alleingang und die Unwissenheit, diese Hoffnungslosigkeit und dennoch dieses Gefühl einen Kampfgeist zu entwickeln waren so paradox, dass ich zeitweise anfing zu glauben, Unmögliches erreichen zu wollen.
Voller Zuversicht suchte ich die nächste Regelschule auf, was wiederum zu einem Wechselbad von Tiefschlägen führte. Als wir dann bei der dritten Regelschule eine mündliche Zusage zur Einschulung erhielten, dachte ich, den Kampf schon gewonnen zu haben. Ich wurde eines Besseren belehrt. Der Wohnsitz war es, der mich innerhalb von wenigen Wochen zwang, einen Wohnortwechsel in den Einzugsbereich der "willigen" Schule durchzuführen. Das war geschafft!
Nein, ich war geschafft! Glaubte ich doch, nun könnte alles so normal laufen wie bei jedem Schulanfänger. Aber ich musste feststellen, mich auf einem "Holzweg" zu befinden.
Drei Tage vor dem endgültigem Anmeldeschluss (oder Aufnahmeschluss) überbrachte mir der Rektor der Schule bedauerlicherweise eine telefonische Nachricht, in der er mir mitteilte, mein Kind auf Grund eines Gutachtens der Sonderschule nicht eingliedern zu können. Es waren zu viele Forderungen in diesem Gutachten aufgestellt (z.B. Korkwände, Teppichboden und Richtlinien, welche nach Möglichkeit unbedingt eingehalten werden sollten), welche die Unsicherheiten von Seiten der Schule ins Unmögliche wachsen ließen. Ein Gutachten, das bei Misserfolg des Schülers jede Schuld der Schule und der Eltern zuweisen würde. Fazit waren eine verzweifelte Familie, ein verzweifelter Rektor einer Regelschule und ein Kind, das nicht gefragt und beachtet wurde, ja vielleicht einfach nur nach einem Stück Papier beurteilt und behandelt wurde.
Gehört dies zu der Bürokratie unseres Landes? Was ist Bürokratie eigentlich? Das man Menschen auf Grund irgendeines Stück Papiers in eine Schublade einordnet? Schubladendenken? Oder sind dies, die im Bayerischen Sonderschulwesen verankerten Fördermaßnahmen?
Michael konnte unterdessen schon sehr gut lesen und den Inhalt des Gelesenen gut wiedergeben. Die Umsetzung einiger Texte musste allerdings anfänglich hart erarbeitet werden und auf unser "Betthupferl" am Abend konnten meine beiden Kinder nicht mehr verzichten. Michael freute sich auf die Schule, doch der Umzug, durch den er seine jetzigen Spielkameraden verlieren würde, machten ihn etwas traurig. Zum Glück waren in der neuen Nachbarschaft Kinder, die er kannte. Ein kleiner Hoffnungsschimmer! Sie würden mit ihm in die gleiche Schule gehen, sollte sich noch irgend jemand hilfsbereit für unsere Integrationsbemühungen einsetzen.
Bei mir brach inzwischen fast Panik aus. Ich wollte unbedingt das erreichen, was ich mir für mein Kind vorgenommen hatte, und deshalb wand ich mich an Frau Dr. Winkler, Diplompsychologin aus Würzburg, bei der sich Michael schon mehrmals vorgestellt hatte, an eine Politikerin des bayerischen Landtages (Frau Rademacher) und an den Kultusminister des Kultusministeriums. Da Eile geboten war, sandte Frau Dr. Winkler per Einschreiben ein Gutachten von Michael an die Regelschule, Gehörlosenschule, Schulamt, Kinderärztin und an unsere Familie. In diesem Gutachten wurde die Bitte zur Unterstützung einer Integration meines Kindes dargelegt. Es war die spontanste und schnellste Hilfe, die ich je für meinen Sohn Michael erhalten hatte (an dieser Stelle muss ich unbedingt auch ein Dankeschön an all diejenigen weitergeben, die mir bis zu diesem Zeitpunkt bei unseren Integrationsbemühungen für Michael geholfen hatten).
An diesem Samstag (es war ein langes Wochenende), hoffte ich diese Entscheidungsschlacht endlich beenden zu können. Damals - ich weiß nicht mehr wo - las ich diese Zeilen:
Unsere Welt, - die Welt der Gehörlosen, in der wir uns frei und ungezwungen bewegen können, ohne Verständigungsschwierigkeiten miteinander kommunizieren....., diese Welt verschließen diese Eltern ihren Kindern, wenn sie ihnen die Gebärden vorenthalten.
Was sich in meinen Kopf zu dieser Zeit abspielte, war wohl mehr als ein Gewitter und ich hatte Schwierigkeiten wieder Boden unter den Füßen zu fassen.
Die Forderung nach Integration meines Sohnes in der Regelschule verschaffte sich endlich Gehör und eine Zusage zur Einschulung wurde gewährleistet, wenn es sich auch hierbei nur um einen Probeunterricht handeln sollte. Wir fanden einen Lehrer, der das Neue und die Zusatzaufgabe, ein hörbehindertes Kind zu unterrichten, auf sich nahm. Endlich war es soweit und Michael wurde im Sept. 1991 in die normale Regelschule eingegliedert.
Der erste Schultag war für mich geprägt von Freude und Ängsten, und erst später erkannte ich deutlich, dass sich die Probleme, welche sich in meinem Kopf abspielten, zum Glück, nicht der Realität näherten.
Michael hatte sich sehr schnell und sehr gut in die Klassengemeinschaft eingefügt. Verständlicherweise hatte er anfänglich noch Probleme, über einen längeren Zeitraum hinweg zuzuhören und sich auf das Unterrichtsgeschehen zu konzentrieren. Schließlich musste er sich doppelt so viel anstrengen, wie jedes normalhörende Kind, um alles zu erfassen und zu verstehen. Dennoch entwickelte er beachtliche Fähigkeiten und Geschick, seine Nachteile als hörgeschädigtes Kind auszugleichen. Aus Eigeninitiative verlegten wir im Klassenzimmer einen Teppichboden, den ich dann lange Zeit auch selbst reinigte. Trotzdem kam Michael anfangs oft sehr müde aus der Schule, genoss dann aber seine Freizeit und die Ferien in größerem Umfang.
Unsere Arbeit zu Hause hat sich ständig fortgesetzt. Wir machten gemeinsam Hausaufgaben und auch weiterhin täglich noch etwas Hör- und Sprachtraining. Durch dieses Hörtraining und durch den ständigen Gebrauch seiner Hörreste erlernte Michael die Fertigkeit in bestimmten Situationen ohne Blickkontakt Sprache zu verstehen und zu kombinieren. So konnten wir z. B. beim Telefonieren (Telefonanlage verfügt über einen Lautsprecher) kleine Erfolge verzeichnen. Wenn mein Sohn seine Gesprächspartner kannte, und diese überwiegend mit "Ja" oder "Nein" seine Fragen beantworteten konnte Telefonieren zum Erlebnis meines Kindes werden.
Ebenso halfen ihm seine Leseerfolge sich sprachlich selbst zu kontrollieren und zu verbessern.
Die Gehörlosenschule unterstützte uns inzwischen mit einem ein bis zwei mal jährlichen Besuch eines mobilen Dienstes. Dieser Dienst hatte nur beratende Funktion für Eltern und Lehrer. Eine spezielle Förderung und Unterstützung für das hörgeschädigte Kind selbst erhielten wir in Oberfranken nirgendwo.
Unterdessen häuften sich bei mir immer mehr Fragen über die Lage anderer hörgeschädigter Kinder und deren Eltern. Wie kommen diese Eltern mit ihrer Situation zurecht? Welche Probleme haben sie und welche Erfahrungen haben sie gemacht? Gibt es noch mehr hörgeschädigte Kinder in Regelschulen? Kann ich etwas weitergeben, was sie noch nicht wissen? Durch Zufall wurde ich auf verschiedene Eltern aufmerksam und es wurden Kontakte geschlossen.
Mehrere Eltern mit ähnlichen Problemen und Erfahrungen fanden sich allmählich zusammen und wir gründeten Juli 92 zunächst formell eine "Elterninitiative hörgeschädigter Kinder in Oberfranken". Etwas später wurden wir ins Vereinsregister eingetragen und seit 1992 verfügt unser Verein inzwischen über 43 Mitglieder dessen Hauptziele wie folgt beschrieben sind:
- die Unterstützung aller Maßnahmen zur Persönlichkeitsentwicklung unter besonderer Berücksichtigung der Förderung der Hör- und Sprachfähigkeit
- die Unterstützung und der Aufbau von Einrichtungen zur vorschulischen, schulischen und beruflichen Bildung Hörgeschädigter
- die Beratung, Information und Fortbildung der Eltern von hörgeschädigten Kindern und der sonstigen Erziehungsberechtigten von hörgeschädigten Kindern sowie von Berufsgruppen, die mit Hörgeschädigten arbeiten
- die Zusammenarbeit mit und die Unterstützung von anderen an der Förderung Hörgeschädigter beteiligten Verbänden und Institutionen
- die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Probleme Hörgeschädigter
Diesem Verein verdanke ich es, dass ich im August 92 die ersten Kontakte zu Integrare (Institut zur Rehabilitation und Integration Behinderter und von Behinderung Bedrohter) nach Nordrhein-Westfalen knüpfen konnte. In einem Intensivkurs wurde auf Grund eines Gutachtens von Dr. Kuke (Klinikum Minden) eine Differentialdiagnostik erstellt und eine für das Kind abgestimmte Therapiewoche angehängt. Sie beinhaltete Ergotherapie (für Michael u.a. auch sensomotorische Integrations- Therapie), Rhythmikunterricht, Rehabilitations- Integrationspädagogik ab Schulalter, Hörgeräteüberprüfung und -Neuanpassung etc. und zusätzliche Beratungsangebote.
Ich wurde so positiv in dieser Woche aufgebaut und konnte soviel Energie tanken, dass ich nicht mehr daran zweifelte mit meinem Sohn den richtigen Weg zu gehen. Ja, ich wurde endlich einmal bestätigt, und das gab mir soviel Kraft, dass ich die immer wieder auftauchenden Probleme zu bewältigen wusste. Ein bis zweimal jährlich nutzte ich das Angebot von Integrare und nehme auch gerne die weite Wegstrecke auf mich.
Die vier Grundschuljahre ließen Michael zu einem leistungsfähigen und guten Schüler heranwachsen, wobei sich die Fördermaßnahmen von Integrare als sehr hilfreich erwiesen haben.
Michael wechselte in dieser Zeit seine sportlichen Tätigkeiten und nahm zweimal wöchentlich am Aikido - Unterricht teil. Aikido, eine japanische Kampfkunst, bei dem der Übende körperliche Fähigkeiten entdeckt und entwickelt. Michael erkannte die Grenzen, die dem Körper gesetzt sind, und lernte aus dieser Einsicht heraus, dass nur das harmonische Zusammenwirken von Körper und Geist wahre Stärke bedeuten. Die Konzentrationsübungen nahmen hierbei einen besonderen Stellenwert ein.
Die rhythmisch/musikalische Früherziehung wurde durch Einzelunterricht im Flöten abgelöst. Hierbei wurden der Wechsel von Hörerfolg und dem Nichthören bestimmter Töne durch ein intensives Engagement der Lehrkraft (Frau Schmidt) beeindruckend und hilfreich ausgeglichen und trainiert. Durch den Flötenunterricht wurden zudem noch die Atmung, Rhythmus, die Stimme, der Akzent und die Sprechverständlichkeit trainiert.
Nach dem dritten Grundschuljahr ministrierte Michael regelmäßig in der Kirche. Durch die Halligkeit des großen Kirchenraumes war dies aber nur durch den Einsatz der Funkanlage möglich, die von unserem Pfarrer auch jetzt noch hilfsbereit eingesetzt wird.
Ja, auch über das Glaubensproblem bei Hörgeschädigten machte ich mir meine Gedanken. Es ist ja nicht nur eine Sache des Gottesdienstes! Wir alle sind Kinder Gottes und da gibt es keine Unterschiede und hat er mir nicht Mut und Hoffnung gegeben? Ich konnte auf jeden Fall daran festhalten und ich kann Hoffnung weitergeben. Dies ist für mich eine beruhigende und schöne Aufgabe.
Im vierten Grundschuljahr wurden wir erneut vor eine Entscheidung gestellt. Michael bestätigte die Gutachten von Dr. Kuke, und so konnte er sich auf Grund seiner überdurchschnittlichen Intelligenz, durch sein leichtes Lernvermögen und durch seinen eigenen Ehrgeiz einen sehr guten Notendurchschnitt erarbeiten, was bei jedem normalhörenden Kind den Übertritt an ein Gymnasium in Erwägung ziehen würde. Wenn Michael sein volles Lernpotential ausschöpfen und ich den größtmöglichen Nutzen aus der Integration erzielen wollte, konnte ich nur auf die Suche nach einem geeigneten Gymnasium gehen. Die Frage, welches Gymnasium für mein Kind wohl am geeignetsten schien, veranlasste mich dazu, mich von bestimmten Bedingungen und Richtlinien, welche ich dieser Situation selber auferlegt hatte, leiten zu lassen.
1. Es musste eine Schule mit kleinen Klassen sein, denn nochmals Teppichböden zu verlegen, wie in der Grundschule, schien mir bei dem häufigen Klassenzimmerwechsel in einem Gymnasium unmöglich. Durch eine möglichst geringe Schülerzahl könnte der Geräuschpegel in der Klasse um einiges gesenkt werden.
2. Bei der Auswahl der ersten Fremdsprache entschied ich mich für Latein, denn diese Schriftsprache könnte Michael über einige Hörprobleme hinweghelfen.
3. Natürlich sollten Schule und Lehrer bereit sein mit uns Eltern zusammenzuarbeiten. D.h. nicht, dass mein Kind bevorzugt werden sollte, aber es sollte Offenheit, Verständnis und Kooperationsbereitschaft vorhanden sein.
4. Ich überlegte, welche Unterstützung und Hilfe ich erhalten würde, wenn die Grenzen meiner eigenen schulischen Bildung erreicht wären, und ich meinem Sohn nicht mehr weiterhelfen könnte.
Seit 1995 besucht Michael nun das Kaiser-Heinrich-Gymnasium in Bamberg (ein Humanistisches und Neusprachliches Gymnasium). Der Übertritt konnte ohne Aufnahmeprüfung erfolgen. Dennoch rutschten Michaels Leistungen um 1 - 2 Noten nach unten. Dies war sicherlich nicht das größte Problem, denn Michael bemühte sich sehr die Anforderungen des Unterrichts zu erfüllen. Leider bereitete uns aber die Integration in die Klassengemeinschaft anfangs größere Probleme, denn uns war bisher nicht klar, welche Auswirkungen die Sonderstellung meines Sohnes in der Klasse für die Mitschüler haben konnte. So fühlten sich einige Kinder meinem Sohn gegenüber benachteiligt, z.B. durch das Tragen der Funkanlage durch den Lehrer, durch den Drehstuhl, den Michael benötigt um das Mundbild seiner Klassenkameraden leichter ablesen zu können, durch den zweimal jährlichen mobilen Dienst der Regelschulbegleitung usw.
Meine Bemühungen waren also darauf abgezielt, Kontakte mit den Mitschülern und deren Eltern aufzunehmen, um Schwierigkeiten und Probleme eines hörgeschädigten Kindes in einer Klassengemeinschaft darlegen zu können - angefangen bei der Lautstärke der Klasse im Unterricht, Missverständnissen im Sportunterricht (durch die Halligkeit der großen Sporthalle) bis hin zu Pausehofgesprächen, bei denen sich mein Sohn in gewissen Situationen nur als Außenseiter betrachten konnte.
Die Anschaffung eines Faxgerätes wurde zu diesem Zeitpunkt als unbedingt notwendig angesehen, um den unabhängigen und ständigen Informationsaustausch z.B. bei Hausaufgaben, unseres Kindes mit einigen Mitschülern zu ermöglichen.
Michael wurde in die nächste Klasse versetzt. Nachdem die Leistungen in Latein weiterhin abzusinken drohten, beschloss ich nach einem geeigneten Stützunterricht zu suchen. Die mangelhaften Arbeiten in Latein konnten durch den verständnisvollen und hilfsbereiten Einsatz einer engagierten Lateinlehrerin inzwischen zu ausreichenden Ergebnissen geführt und große Defizite durch den Einzelunterricht ausgeglichen werden.
Die Akzeptanz von den Schülern hat sich wesentlich gebessert und so konnte Michael auch seine gesamten Leistungen wieder etwas stabilisieren.
In bestimmten Fächern kann Michael seine Noten ausgleichen. So z.B. in Musik, ein Fach im Gymnasium, dass sehr darauf abzielt, den Kindern das Gehör auf musikalischer Ebene zu schulen. Gehörte Noten niederzuschreiben, ist eine der Hörübungen, die Michael sicherlich nicht erfüllen kann. Durch ein musikalisches Stück am Klavier (seit 1995 Klavierunterricht) konnte die Note in Musik für Michael zu einem befriedigendem Ergebnis geführt werden.
Wo steht Michael heute?
Inzwischen besucht Michael mit durchschnittlichen bis ausreichenden Leistungen die 7. Klasse im Gymnasium. Wie sich die zweite Fremdsprache bei Michael weiterentwickeln wird bleibt abzuwarten. Jo, eine Engländerin, hilft Michael einmal wöchentlich bei der richtigen Aussprache und Übersetzung englischer Texte. Die Begeisterung liegt auf beiden Seiten, denn Jo möchte auch unbedingt noch etwas besser die deutsche Sprache erlernen.
Leider fehlt uns aber heute immer noch die hörgeschädigtenspezifische, unterrichts- vorbereitende und nachbereitende Hilfe, welche in anderen Bundesländern schon lange vorhanden sind, und welche sicherlich eine gute Voraussetzung wären, damit unser Kind auch weiterhin in dieser Schule bestehen kann.
Ich frage mich: "Wie lange kann ich noch weiterhelfen?" Meine eigenen schulischen Grenzen sind bald erreicht. Was dann? Sollte ich eine Internatsunterbringung im Gymnasium für Hörgeschädigte in München in Erwägung ziehen?
Doch auch das Familienleben, Freunde, häusliches Umfeld, die Gewissheit geborgen zu sein und mit all den momentanen pubertären Problemen Zuflucht finden zu können, prägen Michael für sein weiteres Leben.
Zum Schluss möchte ich noch Michaels häusliches Umfeld und die Integration erwähnen.
Michael ist jetzt (nach unserem letzten Umzug) in einem Freundeskreis von 6 verschiedenaltrigen Kindern voll integriert (Heiko 16 J., Carolin 14 J., Julia 14 J., Alexander 13 J., Michael 13 J. und Alexander 9 Jahre). Diese Freunde gehen zusammen durch "dick und dünn", sie akzeptieren einander ob mit oder ohne Behinderung und für mich ist es schön zu erkennen, dass es noch so etwas gibt.
Wie schön und doch so schwierig kann Integration sein!
