Lebenslauf von Valentin (9)

Der folgende Bericht entstand 1996 mit einer Ergänzung im Dezember 1997.

Mit 6 Wochen: Verdacht von uns Eltern, dass bei Valentin eine Hörschädigung vorliegen könnte; wegen mangelnder Hörreaktionen: umgehende Vorstellung beim Kinderarzt.

Der Kinderarzt überweist an die nächste HNO-Uni-Klinik. Dort im nächsten halben Jahr zunächst drei Besuche zur Hörprüfung - ohne definitive Diagnose, da Valentin noch zu jung und so keine objektive Messung möglich sei. Erst ein Jahr später erfahren wir, dass in der Kinderklinik praktisch gleich neben der HNO ein Hörscreening schon bei Neugeborenen möglich gewesen wäre!

Mit sieben Monaten endlich die Diagnose der Ärztin an der HNO-Uni: „an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit beidseits“ und sofortige Anpassung von Tieftonhörgeräten. So sollte das Kind wenigstens Geräusche wahrnehmen können, da eine Verstärkung im Hochtonbereich ohnehin nicht möglich sei bei einem Restgehör wie bei unserem Sohn.

Kurze Zeit später: Beratungstermin in der Frühförderstelle der Sonderschule für Hörgeschädigte beim Schulleiter. Wir werden darauf hingewiesen, dass unser Kind wegen des geringen Restgehörs auch mit den besten Hörgeräten keine Sprache hören können würde, so dass es mit der Gebärdensprache kommunizieren müsste. Wir sollten abwarten, bis Valentin drei Jahre alt sei, erst dann könne man „vernünftig“ mit ihm arbeiten und die SVE (Schulvorbereitende Einrichtung) würde sich dann darum kümmern. Bis dahin solle eine Hausfrühförderung stattfinden, die in erster Linie der Beratung der Eltern diene.

Sofort beginnen wir Eltern, über die VHS einen Gebärdenkurs zu belegen, um den Kontakt zu unserem Kind langfristig nicht zu verlieren. Diesen Kurs besuchen wir etwa 3-4 Semester lang. Bis wir sicher sind, dass unser Kind die Gebärden eben doch nicht braucht.

Als unser Sohn 9 Monate alt ist, findet unser erster Kontakt mit weiteren betroffenen Eltern an der Schule für Hörgeschädigte statt: Familie Deichsel berichtet über ihre Erfahrungen von einem Kongress über Lautsprachtherapie und von besserer Hörgeräteversorgung für Kleinkinder.

Unsere ersten konkreten Zweifel an den Aussagen der von uns konsultierten Fachleute bezüglich der Hör- und Sprechfähigkeit unseres Sohnes werden wach.

Vier Wochen später: Valentin ist inzwischen vollkommen verstummt. Er bekommt Breitband-Hörgeräte von dem Akustiker, der uns von Familie Deichsel empfohlen und von unseren Fachleuten als Scharlatan bezeichnet wurde.

Innerhalb weniger Tage stellen sich die ersten Hörreaktionen ein, die erste Lallphase wiederholt sich.

Wir befolgen den Rat dieses Akustikers und kümmern uns um eine gute Hörerziehung. Wir stellen uns in der „Wechselgruppe“ Friedberg/Hessen vor.

Ab sofort sind wir 2 bis 3 mal pro Jahr für jeweils 1 Woche in Friedberg und bekommen dort eine intensive Anleitung zur Sprachanbahnung und Hilfe bei Erziehungsfragen.
Die Hörkurve entwickelt sich erfreulich gut, die Prognosen für eine erfolgreiche Sprachanbahnung werden zunehmend besser.

Die Hausfrühförderung verläuft wegen Personalmangels nur sporadisch und zudem äußerst unbefriedigend, da alle unsere Bemühungen in Frage gestellt werden und das Kind nach unserer Einschätzung nicht adäquat gefördert und gefordert wird. Zudem treten ständige Spannungen zwischen uns und der Schulleitung auf. Die Konsequenz ist die Einstellung der Frühförderung auf unseren Wunsch hin für ca. 2 Jahre.

Es folgen neben Aufenthalten in Friedberg noch jährliche Kurse bei der „Lautsprach-Päpstin“ Susanna Schmid-Giovannini in der Schweiz und in München, insgesamt drei mal.

Mit 2 1/2 Jahren beginnt eine fortlaufende logopädische Behandlung, die vom Kind seit Beginn gut angenommen und bis heute fortgeführt wird.

Mit 3 1/2 Jahren wird eine erste Entwicklungsdiagnostik in Minden erstellt, die unsere bisherige Erziehung bestätigt und den weiteren Umgang des Kindes in einem hörenden Umfeld empfiehlt.

4 Wochen später beginnt für unseren Sohn der Regelkindergarten am Ort, in einer regulären, altersgemischten Gruppe von 24 Kindern mit 2 Erzieherinnen, die von Anfang an sehr zum Gelingen dieser Integration beigetragen haben, obwohl sie keinerlei pädagogische oder personelle Hilfe hatten.

Mit 5 1/2 Jahren wird eine zweite Entwicklungsdiagnostik erstellt. Es werden sehr erfreuliche Fortschritte festgestellt und eine Regelbeschulung in Erwägung gezogen.

Valentin ist genau 6 Jahre alt, als er in der Regelschule angemeldet wird. Wenige Tage später werden wir bei einem weiteren Aufenthalt in Friedberg mit der Möglichkeit einer Innenohr-Operation (Cochlear-Implantation) konfrontiert.

Nach eingehendem Abwägen der Vor- und Nachteile sowie einer umfassenden Diagnostik wird Valentin 3 Monate später, im Alter von 6 Jahren und 4 Monaten implantiert.

Eine intensive Nachsorge-Therapie schließt sich an und weitere 3 Monate später kann unser Sohn regulär eingeschult werden, da wider Erwarten praktisch keine Gewöhungsschwierigkeiten mit der neuen Art zu hören auftreten.

Das Hören, Sprechen und Verstehen entwickelt sich sehr schnell weiter und auch die psychische Entwicklung wird sehr positiv beeinflusst.

Die Lehrerin erweist sich als sehr kooperativ und interessiert. Valentin besucht die Schule gerne und zeigt gute Leistungen. Im ersten Schulhalbjahr wird seine Lehrerin zweimal von der mobilen Schwerhörigenhilfe der Schule für Hörgeschädigte beraten. Weiterführende pädagogische Hilfen an der Regelschule gibt es nicht.

Nach dem ersten Halbjahr geht die Lehrerin in Mutterschaftsurlaub und die Nachfolgelehrkraft steht der weiteren Regelbeschulung unseres Kindes sehr skeptisch gegenüber.
Ihre Vorbehalte können auch nach dem dritten Besuch der Integrationslehrerin nicht ausgeräumt werden.

Zur Zeit arbeiten wir daran, Verständnis für die Problematik unseres Sohnes bei der Lehrerin zu wecken, um von ihr primär Unterstützung bei unserer Vorbereitung des Lernstoffes zu erhalten, so dass auch weiterhin der Schulbesuch erfolgreich verlaufen kann. Nebenbei fördern wir weiterhin im Rahmen der Cochlear-Implant-Nachsorge die Hör- und Spracherziehung.

[verfasst] Ostern 1996

Nachtrag:
Inzwischen sind 2 1/2 Jahre seit der CI-Operation vergangen und unser Sohn besucht die 3. Klasse der örtlichen Grundschule.

Trotz sehr häufigen Lehrerwechsels (zur Zeit 5. Klassenlehrer!) ist er sehr gut in der Klasse integriert und bringt gute Leistungen. Diktate und Nachschriften sind fast immer fehlerlos.
Seine Aussprache hat sich weiterhin verbessert, der Wortschatz wächst rapide.
Nach Aussage des Klassleiters hört und spricht er nun so ,normal", dass er tatsächlich nur noch ein Schüler von 24 ist und keine Sonderstellung einnimmt.

Aber für uns Eltern ist am Wichtigsten:

Valentin ist ein fröhliches, neugieriges Kind, das sich verbal auch außerhalb des häuslichen Umfeldes bewegen kann und keine Scheu hat, dies ganz selbstverständlich zu tun.

Wir wissen nicht was uns die Zukunft bringt, aber eines steht fest: Unsere Bemühungen haben sich gelohnt.

[Nachtrag von] Dezember 1997

Fazit:

Im Vergleich zu hessischen hörgeschädigten Kindern stehen wir bei der Regelbeschulung unseres Kindes auf einsamen Posten:

Hessische Integrationskinder werden 2 mal wöchentlich intensiv in Schule und Elternhaus betreut; bei uns wird nur im Bedarfsfall interveniert, und dann lediglich in beratender Funktion.

Wir wünschen uns eine umfassende, kompetente Unterstützung sowie mehr Verständnis von allen Beteiligten für unseren Wunsch nach Integration (auch von den Schulämtern!).

Den Weg der Integration zu wählen ist bei uns noch mit großen Hürden behaftet, die uns Eltern bzw. Familien in vielerlei Hinsicht bis an die Grenzen belasten und man braucht eine gehörige Portion Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen, um nicht zu kapitulieren.