Lebenslauf von Thomas (8)
Der folgende Bericht entstand 1996.
Wir sind Eltern von zwei Kindern. Unser 8jähriger Sohn ist schwerhörig, an Taubheit grenzend (95-110 dB), unsere 5jährige Tochter ist normalhörend. Da wir inzwischen sehr viel mitgemacht haben, möchten wir unsere Erfahrungen schriftlich festhalten.
Unser Sohn ist von Geburt an schwerhörig. Es war eine schwere Geburt. Anfangs viel uns nichts davon auf, doch mit der Zeit, als unser Sohn zur Sprache kommen sollte, wurden wir misstrauisch. Vielleicht waren es früher alles Zufälle - unser Sohn wachte auf, wenn es an der Tür läutete oder wenn es im Haus laut war. So wollten wir auch nicht glauben, dass mit unserem Sohn etwas nicht stimmt. Doch wir wiesen unseren Arzt immer bei den Untersuchungen auf eine mögliche Hörstörung hin, wurden aber immer wieder beruhigt mit den Worten: "Die Sprache kommt noch, es ist ein Bub, der braucht länger", und es war auch unser erstes Kind, vielleicht fehlte uns die Erfahrung.
Als unser Sohn ca. 1 1/2 Jahre alt war, gingen wir mit ihm zum Ohrenarzt. Der konnte bei der Untersuchung nichts feststellen und schickte uns an die örtliche Gehörlosenschule, wo ein erfahrener Mann (laut unserem Ohrenarzt) eine Hörprüfung vornehmen sollte. Wir gingen sofort zur Gehörlosenschule und ließen von dem Herrn eine Hörprüfung machen. Auch dieser beruhigte uns mit den Worten: "Ihr Kind hört normal, es hat normale Reaktionen bei der Hörprüfung gezeigt", wir können beruhigt nach Hause gehen. "Falls sie doch noch Zweifel haben sollten, kommen sie halt in 3 Monaten wieder, aber wir sehen uns bestimmt nicht mehr".
Und ob wir uns wiedersehen. Zu Hause machten wir weiter unsere Beobachtungen an unserem Sohn. Nach ca. 3 Wochen gingen wir wiederum in die Gehörlosenschule und verlangten einen zweiten Hörtest. Natürlich wären wir mit unserem heutigen Wissen gleich an eine Klinik gefahren. Aber wenn man nie mit alledem zu tun hatte, glaubt man an die Fachleute, die am Ort sind. Man hat uns auch nie weitere Auskünfte gegeben, weder vom Ohrenarzt, noch von der Gehörlosenschule.
Nachdem eine zweite Hörprüfung vorgenommen wurde, war sich der Herr von der Gehörlosenschule auch nicht mehr sicher, ob unser Sohn normal hört. Er sagte wörtlich: "Wenn nicht vor ihrem Sohn ein Kind dagewesen wäre, das bei der Hörprüfung gut reagiert hat, würde ich sagen, fahren sie zum ärztlichen Hörtest an die UNI-Klinik mit ihrem Sohn, dort wird er dann gründlich getestet, ich bin mir auch nicht mehr sicher."
Bis wir dann endlich einen Termin bei der UNI-Klinik erhielten, verstrichen wieder 3-4 Monate; unser Sohn war dann fast 2 Jahre alt.
Festgestellt wurde "eine an Taubheit grenzende Innenohr-Schwerhörigkeit". Der zuständige Arzt verwies uns an einen örtlichen Akustiker zur Hörgeräteanpassung und an die Gehörlosenschule; dort sollen wir Frühförderung für unseren Sohn erhalten.
Im Januar 1992 erhielt unser Sohn die Hörgeräte, die er jedoch partout nicht tragen wollte. Der Grund, wie wir später erfuhren, die Einstellung war falsch.
Durch einen Zufall erhielten wir die Adresse von einem Akustiker, der weit von uns entfernt seinen Sitz hatte. Dieser Akustiker arbeitet mit einem Ohrenarzt zusammen, der das restliche Hörvermögen auch im Hochtonbereich messen kann (was für die Sprache ausschlaggebend ist). An der UNI-Klinik wurde nur der Tieftonbereich bevorzugt gemessen.
Wir fuhren also dorthin. Der Ohrenarzt nahm eine Hörmessung in Narkose vor und konnte ein Hörvermögen im Hochtonbereich messen. Der Akustiker stellte - bezogen auf die Messergebnisse neue Hörgeräte ein. Er sagte uns, dass unser Sohn mit den alten Hörgeräten nie zur Sprache kommen würde, da diese Geräte nur die tiefen Töne verstärkten. Das erklärte auch, warum unser Sohn die Geräte nie tragen wollte; er hörte tiefe Töne noch lauter. Die Untersuchung und die Hörgeräteanpassung geschahen an einem Tag.
Unser Sohn erhielt nach einer Woche die neuen Hörgeräte und hat sie sofort anbehalten; da war unser Sohn dann 2 Jahre alt.
Die Frühförderung erhielten wir von der Gehörlosenschule, allerdings fand die nie zu Hause statt, wo sie eigentlich stattfinden sollte. Unser Sohn konnte nur Frühförderung erhalten, wenn wir die 6 km entfernte Gehörlosenschule aufsuchten.
Als wir durch Zufall von einem Elterntreffen hörgeschädigter Kinder hörten, gingen wir dort hin und wir erkannten, dass wir nicht die einzigen Eltern sind, die schlechte Erfahrungen mit der Versorgung ihrer hörgeschädigten Kinder machten. Man machte uns dort darauf aufmerksam, dass es in Minden eine intensive Förderung für hörgeschädigte Kinder gibt. Ein Arzt erstellt eine Differentialdiagnostik - (ein psychologisches Testverfahren), dann wird ein individueller Stundenplan in Zusammenarbeit mit den Pädagogen für unseren Sohn ausgearbeitet, dieser besteht aus verschiedenen Therapien (Atem-, Stimm- und Sprachtherapie, Ergotherapie sowie individuellen Fördermaßnahmen).
Wir fuhren zu einem Intensivkurs nach Minden und wir mussten feststellen, was wir hier in einer Woche gelernt haben, hatten wir in dem ganzen halben Jahr Förderung von der Gehörlosenschule nicht erfahren. Wir wussten jetzt, wie wir mit unserem Sohn arbeiten müssen, damit er zur Lautsprache kommt. Man hat uns in Minden Mut gemacht, man hat uns aufgebaut und man hat uns gesagt, dass unser Sohn zur Lautsprache kommt. All dies haben wir an unserer örtlichen Gehörlosenschule nicht zu hören bekommen. Im Gegenteil, man hat uns gesagt, dass für unseren Sohn nur die Gebärde in Frage kommt.
Und es zeigten sich Erfolge. Unser Sohn begann auf seinen Namen zu hören. Wir machten ihn auf alle Geräusche aufmerksam, so wie wir es in Minden gelernt haben.
Er fing an mit Wörtern und dann in 2-Wortsätzen zu sprechen, dies steigerte sich bis zu 6-Wortsätzen. Unser Sohn ist auch sehr temperamentvoll, was unsere Förderung auch nicht immer einfach machte.
Die Pädagogen in Minden rieten uns dazu, unseren Sohn unbedingt in den Regelkindergarten zu geben. Er braucht unbedingt Kinder um sich, die normale Lautsprache haben.
Da unser Sohn auch dazu neigt alles nachzuahmen, würde er im Gehörlosenkindergarten sofort in die Gebärdensprache verfallen. Und man soll ihm doch wenigstens erst die Möglichkeit dazu geben, seine Lautsprache zu entwickeln, bevor man ihm gleich die Gebärde anbietet.
Wir bekamen zum Glück einen Kindergartenplatz am Ort, was nicht so einfach war. Aber wir mussten diese Entscheidung büßen, indem uns die Gehörlosenschule alle Frühförderstunden gestrichen hat. Es wurde uns gesagt, dass sie keine Kinder Fördern können, die den Regelkindergarten besuchen und dass wir unseren Sohn doch in den Gehörlosenkindergarten geben sollen, wenn wir Förderung möchten. Mit Hilfe unseres Elternvereins, den wir inzwischen gegründet haben, bekamen wir wieder Frühförderung. Erst alle zwei Wochen, natürlich nur, wenn wir in die Gehörlosenschule fuhren, dann doch wieder sehr unregelmäßig. Aber wir fanden uns damit ab und fuhren jedes Jahr einmal für eine Woche nach Minden, wo wie Hilfe bekamen - richtige Hilfe.
Nun ist unser Sohn acht Jahre und besucht die 2. Klasse der Regelschule. Dies zu erreichen war für uns nicht einfach, da die Gehörlosenschule dagegen war.
Wir denken nicht Jahre voraus mit der Regelschule, sondern wir denken von Jahr zu Jahr. Wir sind froh darüber, dass wir diese Entscheidung getroffen haben. Wir haben unserem Sohn die Chance gegeben und wir hoffen, dass er es schafft.
